Fokus „Geschichte“ (Mittelalter bis Zeitgeschichte)

Globalisierung ist ein historischer Prozess und hat zugleich eine weit zurückreichende Geschichte. Eine auf die Gegenwart fixierte oder auch eine auf das späte 20. Jahrhundert beschränkte Analyse verkennt spezifische Strukturmerkmale aktueller Phänomene sowie deren Pfadabhängigkeit. Sie neigt ferner dazu, die globale ökonomisch-technische Mechanik und die Oberfläche des einen Globus überzubewerten gegenüber der inneren kulturell-sozialen Konstruktion von verschiedenen Welten, die in gesellschaftlichen Erfahrungen, Entwürfen und Normsetzungen gründen. Im Rahmen des Promotionskollegs sollen daher zeitlich breit - mit Schwerpunkten in der Mittelalterlichen Geschichte und der Neueren und Neuesten Geschichte - Fälle von Vernetzungen systematisch untersucht werden, die über weite geographische, weltanschauliche und metaphysische Distanzen reichen. Nur so lässt sich fundiert diskutieren, ob wir uns gegenwärtig tatsächlich, wie häufig proklamiert, in einem neuen Zeitalter der Globalität befinden oder ob Globalisierung lediglich eine aktuelle griffige Formel für die Gegenwartserfahrung fundamentaler Transformationsprozesse darstellt.

Mit der Einbeziehung mittelalterlicher Welten wird hier zusätzlich die kategorische Unterscheidung von Moderne und Vormoderne in Zweifel gezogen und die Metaerzählung stetig zunehmender Komplexität in Frage gestellt. Handlungskompetenzen und -möglichkeiten waren in der Interaktion zwischen sozialen Gruppen, deren Angehörige einander fremd waren oder weit voneinander entfernt lebten, machtpolitisch, ökonomisch und kulturell zumeist ungleich verteilt. Oder die Akteure beabsichtigten die Herstellung von (Un-)Gleichgewichten bzw. deren Wahrung. Unter Beachtung dieser Asymmetrien erfasst eine historische Betrachtungsweise die Akteure des Weltenwandels in ihrem spezifischen Kontext und arbeitet vergleichende grundlegende Mechanismen und Muster von Weltordnungen heraus, die auch das Verständnis der Gegenwart vertiefen.

Mögliche Promotionsthemen:

  • Akteure und Gruppenbildung in historischen Weltbeziehungen: Globale Lebensläufe; Grenzgänger; Netzwerkbildungen; soziale Bewegungen; kulturelle Identitätsbildungen; Asymmetrien von Handlungskompetenzen
  • Ökonomie und Ökologie: Produktions- und Konsumtionsketten; Pflanzentransfer; Handel, sozio-ökologische Interdependenzen; Geschichte der Entwicklungspolitik; regionale Wirtschaftsbeziehungen
  • Imperien und Herrschaft: Formen und Wandel imperialer Herrschaftsausübung; lokale, nationale und imperiale Weltbeziehungen; militärische und kulturelle (In)Stabilität; europäische und außereuropäische Interaktionen
  • Religion und Ideologie: Heilsgeschichten; Transformation religiöser Weltentwürfe; Missionsgeschichte; Konkurrenz universeller Weltentwürfe