Dr. des. Daniel Wimmer

  

Das Mittelalter als Vermittlungsinstanz in Weltentwürfen des 20. und 21. Jahrhunderts - Fallstudien im Bereich der Konstruktion 'kleiner Welten'.

 

Kurzbiographie

  • geboren 1983 in Heidelberg
  • Studium der Fächer Französisch, Geschichte und Spanisch im Rahmen des Lehramtsstudiengangs zur Vorbereitung auf den höheren Schuldienst an der Universität Mannheim und der Université du Littoral Côte d'Opale Boulogne-sur-Mer
  • 2007-2008: Stipendiat des Pädagogischen Austauschdienstes (PAD) und der Comunidad de Aragón als Fremdsprachenassistent am Instituto de Educación Secundaria Goya in Zaragoza
  • 2008-2009: studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte von Prof. Dr. Annette Kehnel 
  • 2009: Wissenschaftliche Arbeit für das Lehramt an Gymnasien: "Mythos - Geschichte - Politik. Das mittelalterliche Kärnten im Slowenien des 20. Jahrhunderts."
  • seit 2009: Stipendiat des Promotionskollegs "Formations of the Global"
  • Januar/Februar 2011: Forschungsaufenthalt am Georg Eckert Institut für internationale Schulbuchforschung Braunschweig (gefördert durch ein institutsinternes Stipendium)
  • Januar/Februar 2012: Forschungsaufenthalt in Katalonien (gefördert durch das Rudolf-Brummer-Stipendium des Deutschen Katalanistenverbandes DKV)
  • Kontakt: Daniel.Wimmer[AT]web.de

 

  

Dissertationsprojekt

Wie schafft es das Mittelalter, diese uns nicht nur zeitlich, sondern oftmals auch inhaltlich fern liegende und fremd erscheinende Epoche der europäischen Geschichte den kollektiven Vorstellungsraum von Menschen im 20. und 21. Jahrhundert zu beeinflussen? Dies ist die Kernfrage des Dissertationsprojektes zum Mittelalter als Vermittlungsinstanz in Weltentwürfen des 20. und 21. Jahrhunderts. Selbstverständlich kann das Mittelalter seinen Einfluss nicht mehr unmittelbar auf die Gegenwart ausüben - schließlich hat in Europa je nach Periodisierungsansatz vor etwa 500 Jahren die Neuzeit das Mittelalter ‚abgelöst'. Nein, es ist vielmehr eine Reihe von ‚mittelalterlichen Bausteinen', aus ihrem mittelalterlichen Kontext gerissene Ereignisse, Personen oder auch Strukturen, die die gegenwärtigen Lebenswelten vieler Menschen noch immer prägen.

In den letzten Jahrzehnten widmete sich eine Vielzahl von zum Teil Aufsehen erregender Arbeiten der Frage nach den Ursprüngen der bisweilen mythisch sehr aufgeladenen Nationalgeschichten vieler Länder Europas. Das Ergebnis war der Befund, die Nationalstaaten und deren ‚eigene' Geschichte(n) seien im ‚langen' 19. Jahrhundert im Zuge der aufkommenden Nationalismusbewegung quasi ‚erfunden' worden, wie es der Brite Eric J. Hobsbawm formulierte. Diese nationalen Metaerzählungen der Vergangenheit haben das Geschichtsbild vieler Menschen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein geprägt, was ihnen nicht zuletzt durch ihre Fähigkeit gelang, sich immer wieder an neue politische und soziale Verhältnisse anzupassen.

Von diesen Erkenntnissen ausgehend soll nun an Hand neuer Fallstudien die Existenz und die Ausgestaltung ‚mittelalterlicher Bausteine' in verschiedenen kollektiven Vorstellungsräumen während der letzten 30 Jahre lokalisiert und analysiert werden. Schaffen es die Metaerzählungen des Mittelalters auch in Zeiten der Globalisierung, Vermittler bei der Konstruktion überschaubarer kollektiver Vorstellungsräume zu fungieren, wie es ihnen im 19. Jahrhundert bei der ideellen Erschaffung der Nationalstaaten gelang?

Die Fallstudien sollen drei zentrale Ebenen territorial abgrenzbarer kollektiver Vorstellungsräume abdecken. Auf der untersten, lokalen Ebene rückt die Betrachtung der Metropolregion Rhein-Neckar und ihrer gegenwärtigen Versuche der Identitätsbildung mit Hilfe mittelalterlicher Geschichte ins Zentrum des Interesses. Analog dazu schließen sich auf der obersten, supranationalen Ebene die entsprechenden Versuche der Europäischen Union zur Schaffung einer ‚europäischen Identität' unter Bezugnahme auf das Mittelalter an. In gewisser Weise ‚dazwischen' liegt die Ebene der Nationalstaaten oder der national verfassten Gemeinschaften, an Hand derer herausgearbeitet werden kann, wie die hier im 19. Jahrhundert geschaffenen Identifikationsangebote des Mittelalters auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts über eine gewisse Wirkmächtigkeit verfügen. Als Fallstudie wird hier die spanische autonome Gemeinschaft Katalonien dienen, deren identitäres Selbstbild noch immer sehr auf das Mittelalter Bezug nimmt. Untersuchungsgegenstände sind gleichberechtigt nebeneinander Darstellungen mittelalterlicher Geschichte in Schulbüchern, populärhistorischen Zeitschriften, historischen Romanen und musealen Ausstellungen, aber auch die tagespolitische Berichterstattung und deren Bezugnahme auf mittelalterliche Geschichte zur Herausstellung und Betonung aktueller Ereignisse.

 

Vorträge

  • Podiumsdiskussion „Mittelalterrezeption", mit Ricarda Bauschke-Hartung (Wolfram von Eschenbach-Gesellschaft), Freimut Löser (Meister-Eckhart-Gesellschaft), Cora Dietl (Internationale Artusgesellschaft) und Volker Gallé (Nibelungengesellschaft), Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten, Worms, 14. September 2013.
  • Gastvortrag „Mittelalter zwischen Uni und Museum: Maximilian I. Der letzte Ritter und das höfische Turnier - Konzepte für eine U 30 Ausstellung", Mittelaltertag der Universitäten Heidelberg, Mannheim und Karlsruhe, Universität Heidelberg, 29. Juni 2013 (gemeinsam mit Studierenden des Historischen Instituts der Universität Mannheim).
  • "Historicizing Present-Day European Societies by Telling Medieval Histories - The Middle Ages as a Narrative Substructure of 21st Centuries' Territorial Identity Constructions", 48th International Congress on Medieval Studies, Western Michigan University Kalamazoo, 11. Mai 2013.

  • "Historicizing Present-Day European Societies by Telling Medieval Histories - The Middle Ages as a Narrative Substructure of 21st Centuries' Territorial Identity Constructions", Konferenz NeBoCo. New Borderlands or Cosmopolitanism from Below?, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, 7. Dezember 2012.
  • "Das europäische Mittelalter im Schulgeschichtsbuch - ein retrospektiver Entwurf der Kinderstube des Kontinents", Geschichtsdidaktisches Kolloquium, Universität Freiburg, 13. Juli 2012
  • "Blüte einer mediterranen Großmacht - Narrative zur nationalen Glorie Kataloniens im Mittelalter", Forschungskolloquium des Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte, Universität Mannheim, 11. Juni 2012.
  • "The Image of the Medieval Counts of Barcelona as ‘Fathers of the Nation' in the Present-Day Nationalist Self-perception of Catalonia", Konferenz "Nationizing the Dynasty - Dynastizing the Nation", University of California Los Angeles, 14. April 2012.
  • "Das Mittelalter als narratives Passepartout - Die Rezeption einer Geschichtsepoche als kollektives Identitätsangebot in der globalisierten Moderne", Workshop-Tagung "Narrative - Narrative Strategien - Wissenstransfer", Universität Mannheim, 22. Oktober 2011.
  • "Mit dem Mittelalter die Gegenwart erzählen. Historische Ausstellungen als Medium kollektiver Selbstbilder in Zeiten der Globalisierung", 5. Heidelberg-Mannheimer Werkstattgespräche "Neues aus dem Mittelalter", Historisches Museum der Pfalz Speyer, 7. Oktober 2011.
  • "Mit dem Mittelalter die Gegenwart erzählen. Das Mittelalter als Quellgrund territorial verfasster Identitäten des 21. Jahrhunderts", Konferenz "Brauchen Staaten noch Kulturen", (Post)Graduiertenseminar des Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften und des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 8. Juli 2011.
  • "Die Rolle mittelalterlicher Geschichte in regionalen und nationalen Identitätsbildungsprozessen des 21. Jahrhunderts", Forschungskolloquium des Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte, Universität Mannheim, 7. Juni 2011.

  • "'Wir sind die Herren des Mittelmeeres' - Meistererzählungen vom katalanischen Mittelalter in diachroner und synchroner Analyse", Forschungskolloquium des Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte, Universität Mannheim, 14. Dezember 2010.
  • "The Representation of the Middle Ages in Textbooks in Times of Globalisation", International Summerschool "Textbooks and beyond" des Georg Eckert Instituts Braunschweig, 27. August 2010.

Veröffentlichungen

  • „Mit dem Mittelalter die Gegenwart erzählen. Das Mittelalter als Projektionsfläche kollektiver Identitätsbildung im Katalonien des 21. Jahrhunderts", in: Mitteilungen des Deutschen Katalanistenverbandes/ Notícies de l'Associació Germano-Catalana 51 (2013), S.35-56.
  • "Mit dem Mittelalter die Gegenwart erzählen. Die Darstellung mittelalterlicher Geschichte in europäischen Schulbüchern", in: Eckert. Das Bulletin. Winter 10 (2011).

Lehre

  • FSS 2014: Examenskolloquium Mittelalterliche Geschichte
  • HWS 2013: Prosemiar "Reconquista", Examenskolloquium Mittelalterliche Geschichte
  • FSS 2013: Proseminar "Von Christen, Mauren und Sepharden - Spanien im Mittelalter",
    Examenskolloquium Mittelalterliche Geschichte
  • HWS 2012: Examenskolloquium Mittelalterliche Geschichte
  • FSS 2012: Examenskolloquium Mittelalterliche Geschichte, Universität Mannheim
  • HWS 2011: Examenskolloquium Mittelalterliche Geschichte, Universität Mannheim
  • FSS 2011: Examenskolloquium Mittelalterliche Geschichte, Universität Mannheim

Posterpräsentationen

  • "Das Mittelalter als Vermittlungsinstanz in Weltentwürfen des 20. und 21. Jahrhunderts - Fallstudien im Bereich der Konstruktion 'kleiner Welten', Posterpräsentation im Rahmen des Doktorandenforums des 49. Deutschen Historikertages, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 25. bis 28. September 2012.