Dr. Frederike Felcht

  

Grenzüberschreitende Geschichten. H. C. Andersens Texte aus globaler Perspektive

 

Kurzbiographie

  • Geboren 1982 in Köln
  • 2001-2006: Studium der Kulturwissenschaft, Skandinavistik und Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin
  • 2004-2006: Beschäftigung als studentische Hilfskraft am Seminar für Ästhetik der Humboldt-Universität zu Berlin bei Prof. Dr. Karin Hirdina
  • 2007-2010: Stipendiatin des Promotionskollegs "Formations of the Global"
  • 12/2008-02/2009: Gaststipendiatin der "Georg Brandes-Skole", Københavns Universitet, Dänemark
  • 06/2010-09/2010: Gaststipendiatin der "Georg Brandes-Skole", Københavns Universitet, Dänemark
  • 09/2010-12/2010 Gastforscherin am H. C. Andersen-Center an der Syddansk Universitet, Odense, gefördert durch ein DAAD-Stipendium
  • SS 2012: wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Skandinavische Literaturen in der Nordischen Abteilung der Universität Greifswald
  • SS 2012-März 2013 Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin
  • seit März 2013 LMU Research Fellow am Institut für Nordische Philologie
  • Kontakt: Frederike-Felcht[AT]gmx.de

 

Dissertationsprojekt

Hans Christian Andersen (1805-1875) mit dem Begriff „Globalisierung" zusammenzubringen erstaunt vielleicht, da Globalisierung meist als gegenwartsdiagnostischer Begriff verwendet wird. Bei den Phänomenen, die unter "Globalisierung" subsumiert werden, handelt es sich jedoch nicht um plötzlich auftretende Erscheinungen. Stattdessen muss Globalisierung als "Ergebnis des Zusammenwirkens und der gegenseitigen Verstärkung längerfristiger Prozesse betrachtet" (Osterhammel / Petersson 2003, S.16) werden. Dieses Dissertationsprojekt stellt einen Beitrag zur historischen Rückschreibung von Globalisierung unter besonderer Berücksichtigung kultureller Aspekte dar.

Ziel der Arbeit ist es, die Fruchtbarkeit eines Zugriffs auf Hans Christian Andersen aus einer Perspektive darzulegen, die nicht nationalhistorisch und -literarisch begrenzt ist. Es wird aufgezeigt, wie sich in Andersens Texten und ihrem Entstehungszusammenhang motivisch Globalisierungsprozesse vorzeichnen, die sich aktuell verdichten. Als Impulse des 19. Jahrhunderts, die für einen historisch perspektivierten Globalisierungsbegriff relevant sind, sind beispielsweise Verkehrsmittel wie Eisenbahn und Dampfschiff, die Verbreitung von Papiergeld und das Wachstum des Börsenhandels oder die Erfindung des Telegraphen zu nennen, aber auch Wandlungen im Verhältnis von Nationalismus und transnationalen Netzwerken sowie Dynamisierungs- und Uniformisierungsvorgänge (bei gleichzeitiger Komplexitätssteigerung) (vgl. Bayly 2006; Bolz 2000; Osterhammel / Petersson 2003; Zons 2000). Das Dissertationsprojekt untersucht den Einfluss solcher Prozesse auf ästhetische Strategien und literarische Produktion.

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil wird eine kulturhistorische Kontextualisierung von Andersens Schaffen unternommen. Dadurch entsteht ein Beitrag zur Erforschung historischer Dimensionen von Globalisierung anhand der Wandlungen von Literatur als sozialem System im Kontext der o. g. Prozesse. Hans Christian Andersen als Ausgangspunkt einer solchen Untersuchung zu wählen ist aus verschiedenen Gründen reizvoll. Andersens Leben ist in hohem Maße von ökonomischer, sozialer und räumlicher Mobilität geprägt. Sein Fortgang aus der Kleinstadt Odense bedeutet nicht nur den Aufstieg aus armen Verhältnissen in den ersten internationalen Jet-Set des kapitalistischen Geisteswesens (vgl. Anring u. a. 1984, S.139), sondern auch die Begegnung mit Raumerfahrungen, die durch neue Transporttechniken wie auch durch Urbanisierung und Industrialisierung geprägt waren. Das Spannungsfeld von einer sich entwickelnden nationalen Abgrenzung Dänemarks und den transnationalen Vermarktungsstrategien Andersens spielt in diesem Teil der Arbeit eine wichtige Rolle.

In einem zweiten Schritt wird der Frage nach dem Charakter von Andersens Texten in ihrer Eigenschaft als Texte unter dem Eindruck ökonomischer, technischer und kultureller Globalisierungsprozesse nachgegangen und so das Wechselspiel zwischen historischen Vorgängen und kulturellen Symbolisierungs- und Wahrnehmungsformen am Beispiel ausgewählter Eventyr og Historier nachvollzogen. Andersens Werk zeichnet sich durch eine deutliche Bezugnahme auf Ihren kulturgeschichtlichen Entstehungszusammenhang aus. Die ausgewählten Texte werden danach befragt, wie dieser Bezug zur kulturgeschichtlichen Ebene sich literarisch gestaltet. Dabei wird nach Kategorien gesucht, die zur Analyse dieser Gestaltung geeignet sind, und materielle, zeitliche und räumliche Universalisierungsprozesse erfassen können.

Der Fokus der Betrachtungen liegt weniger auf der reinen Personenebene als auf der Dingwelt und ihrer Beziehung zu den Figuren des Märchens, die in der Andersen-Forschung häufig weniger Berücksichtigung findet, obgleich es ein sehr charakteristisches Merkmal von Andersens Märchen ist, den Dingen eine Stimme zu geben.

Diese Gewichtung erfolgt einerseits, da in der Dingwelt von Andersens Märchen die zentralen technischen Innovationen und ökonomischen Veränderungen, die frühen Globalisierungsprozessen eine neue Schubkraft verliehen, ihren Ausdruck finden.

Darüber hinaus geht die Infragestellung des eigenen Selbstverständnisses meist von der irritierenden Macht der Dinge aus. Dabei wird das scheinbar außereuropäische und unaufgeklärte irrationale Verhältnis zu Dingen in der eigenen Kultur verortet, ohne als Gegenstand der Überwindung betrachtet zu werden. Stattdessen stellen Ding-Personenbeziehungen einen Motor der Einbildungskraft dar, der die literarischen Weltentwürfe ermöglicht. Deutlich wird dabei auch, dass Handeln immer unter (materiellen) Be-ding-ungen steht. Der Umgang mit Dingen in den behandelten Texten kann zum Teil als Alternative zu Identitätsmodellen wie dem bürgerlichen autonomen Subjekt und dessen Rationalität begriffen werden. In den Märchen und Geschichten lassen sich Mensch-Ding-Grenzen keineswegs immer eindeutig bestimmen. Die Technik, den Dingen eine Stimme zu geben oder in ihrem Nichtsprechen das widerständige Schweigen der Ohnmacht lesbar werden zu lassen (wie bei Den standhaftige Tinsoldat (1838) (vgl. auch Bredsdorff 1993, S.422), eröffnet eine neue Perspektive auf eine Welt, als deren einzige Bewohner Menschen sich meist immer noch fühlen.

 

Vorträge

  • 19. Oktober 2011 „Märchenhaft realistisch. Hans Christian Andersens Dingwelten" auf der Interdisziplinären Tagung „Materialitäten. Herausforderungen für die Sozial- und Kulturwissenschaften", Universität Mainz
  • 28. September 2011 „Der Schlaf der Teemaschine und die Komplizenschaft der Dinge. Thomasine Gyllembourgs En Hverdags-Historie (1828), Mesalliance (1834) und Hegels Ästhetik" auf der 20. Arbeitstagung der Skandinavistik, Universität Wien
  • 7. Juli 2011 „Nippes und Welt-Wunder. H. C. Andersens Märchen und Geschichten aus globaler Perspektive", Gastvortrag am Institut für Nordische Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München
  • 16. Juni 2011 „DingWeltLiteratur. Hans Christian Andersens globale Poesie" auf der Tagung „Figuren des Globalen: Weltbezug und Welterzeugung in Literatur, Kunst und Medien", Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

  • 2. April 2011 „Networks of Texts and Things. On Hans Christian Andersen's Travelogue 'In Spain' (1863)" auf dem Symposion „Travelling Goods// Travelling Moods. Cultural Appropriation of Foreign Goods, 1850-1950", Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
  • 27. September 2010 „'Man er for Verden, hvad Verden troer om En!' Wert in H. C. Andersens Eventyr og Historier" auf dem Internationalen Symposion „Wechselkurse des Vertrauens. Zur Konzeptualisierung von Ökonomie und Vertrauen im nordischen Idealismus (1800-1870)", Universität Greifswald
  • 20. Oktober 2009 „Die Politik globalisierten Lebens in Ulrich Peltzers Teil der Lösung" auf der Konferenz „Literatur und Literaturwissenschaft im Zeichen der Globalisierung", Uniwersytet im. Adama Mickiewicza, Poznan
  • 19. August 2009 „'Selv i Afrika jeg synes, / jeg er nær mit Fædreland'. Zur Topographie von H. C. Andersens I Spanien" auf der 19. Arbeitstagung der Skandinavistik, Universiteit van Amsterdam
  • 10. Juni 2009 Gemeinsam mit Mag. Florentina Hausknotz „Intellektuelle als Grenzgänger oder: Was ist kritisches Sprechen?" auf der Transforma #5: „Moving (Con)texts. The Production and Circulation of Ideas in the Global Knowledge Economy", Universität Magdeburg
  • 14. Mai 2009 Gemeinsam mit Christina Gehrlein, M. A., „Bruchstücke der Moderne: Geschichte durch Warengeschichten denken" im Intensivseminar „Runaway History. Multiplikationsprozesse in der Moderne" des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK), Wien
  • 25. April 2009 „Heimkehr wohin? Hans Christian Andersens Reisen" auf dem 3. Gießener Studierendencolloquium „Habt euch müde schon geflogen? Reise und Heimkehr als kulturanthropologische Phänomene", Universität Gießen
  • 10. Dezember 2008 „World Orders: On Literary Topography in H. C. Andersen's Eventyr og Historier" im PhD-Seminar „Mapping Scandinavia" der „Georg Brandes-Skole", Københavns Universitet
  • 3.-5. Dezember 2008 Paper: „Globalised Perspectives on Cultural Heritage: Rewriting Literary History", vorgestellt im PhD-Seminar „Globalized Heritage" der „Danish Research School of Anthropology and Ethnography", Aarhus Universitet
  • 21. November 2008 „'die Straßenbahnen und Omnibusse sind gestopft und gepfropft und mit Menschen garniert'. Überlegungen zur Aufhebung des Anthropozentrismus von Mensch-Ding-Beziehungen" auf der Tagung „Die Sprache der Dinge" von der Gesellschaft für Ethnographie in Berlin

Veröffentlichungen

  • „On the topography of H. C. Andersen's travelog I Spanien (1863, In Spain)", übers. v. Ingo Maerker und Michelle Miles, in: DESHIMA. Revue d'histoire globale des pays du Nord, Nr. 5, Strasbourg, 17-29.
  • „Les politiques de la faim dans Sult (La faim) et Life & Times of Michael K", in: DESHIMA. Revue d'histoire globale des pays du Nord, Nr. 5, Strasbourg, 127-149.

  • "The Fetishistic Challenge: Things in Nineteenth Century Danish Literature as Mediators of Identity", in: Rohit Chopra/Radikha Gajjala (Hg.): Global Media, Culture, and Identity: Theory, Cases, and Approaches, New York (Routledge) 2011, S. 100-113.
  • "'die Straßenbahnen und Omnibusse sind gestopft und gepfropft und mit Menschen garniert'. Überlegungen zur Aufhebung des Anthropozentrismus von Mensch-Ding-Beziehungen", in: Elisabeth Tietmeyer u. a. (Hg.): Die Sprache der Dinge. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die materielle Kultur, Münster (Waxmann) 2010, S. 43-52.
  • "Heimkehr wohin? Hans Christian Andersens Orientreise", in: Helge Baumann u. a. (Hg.): Habt euch müde schon geflogen? Reise und Heimkehr als kulturanthropologische Phänomene (Beiträge des Gießener Studierendenkolloquiums), Marburg (Tectum Verlag) 2010, S. 115-135.
  • "Im Uhrwerk der Macht. Oldefa’er und die Geschichten der Globalisierung", in: Klaus Müller-Wille (Hg.): Hans Christian Andersen und die Pluralität der Moderne (Beiträge zur nordischen Philologie), Basel/Tübingen (A. Francke Verlag) 2009, S.77-94.

  

 Lehre

  • Proseminar "Raum- und Zeitwahrnehmungen in der Moderne", Universität Mannheim, FSS 2010 (zusammen mit Christina Gehrlein)
  • Proseminar "Science Fiction! Reise in andere Welten", Universität Mannheim, HWS 2009/10 (zusammen mit Florentina Hausknotz)
  • Proseminar "MarxleserInnen. Texte aus Philosophie, Literatur- und Kulturwissenschaft", Universität Mannheim, FSS 2009 (zusammen mit Florentina Hausknotz)