Patrick Ramponi

  

Imperiale Meeres(t)räume. Literarische, kulturelle und mediale Konstellationen einer globalen Seefahrt im Kaiserreich

 

Kurzbiographie

  • Geboren 1978 in Luxemburg
  • Studium der Neueren deutschen Literatur und Neueren Geschichte an der Humbolt-Universität zu Berlin
  • Beschäftigung als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien von Prof. Dr. Klaus R. Scherpe, Forschungsstudent im DFG-Graduiertenkolleg "Codierung von Gewalt im medialen Wandel"
  • Leitung des Projekttutoriums "Geopolitical Fiction. Ein vergessenes Genre" am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin

 
 

  • 2005-2008: Stipendiat des Promotionskollegs "Formations of the Global"
  • 2006-2007: Lehrbeauftragter am Institut für deutsche Philologie der Universität Mannheim
  • Mai 2008: Gastdozent am Queen Mary College/University of London
  • Seit Oktober 2008: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg
  • Kontakt: paramponi@web.de

Dissertationsprojekt

Um 1900 waren die Ozeane die Transitwege einer sich zunehmend globalisierenden Welt. Das friktionsfreie, zugleich vereinigende und trennende Fluidum des Weltmeeres verdichtete sich um die vorletzte Jahrhundertwende im traditionell landfixierten Kaiserreich zu einem wirkungsmächtigen globalimaginären Paradigma. Ausgangspunkt der Dissertation ist die Auslotung einer kulturellen und symbolischen Reflexivität globaler und imperialer Prozesse im Medium des Maritimen. Dessen faszinationsgeschichtliche Konjunktur hat zwar in Deutschland keine dem angloamerikanischen Sprachbereich vergleichbaren großen Seefahrtsromane hervorgebracht, allerdings haben sich das Meer und die Hochseeflotte umso stärker in die populären Genres der Literatur eingeschrieben, etwa in die frühe Science Fiction oder die massenhaft verlegte Zukunftskriegs-Belletristik. Daneben sind es besonders die populären Wissensformen von Familienzeitschriften und Technikblättern, Routenpläne ebenso wie Reklamepostkarten, Werbeplakate und Reisebroschüren, Kolonial- und Weltkarten sowie nicht zuletzt das Schrifttum der in dieser Zeit sich erst formierenden Wissenschaften wie Kultur- und Verkehrsgeographie oder Nationalökonomie, die globale, räumliche Wahrnehmungsmuster gerade über das Meer konstruieren. Im Unterschied zu einer bloßen Motivaufnahme nautischer und maritimer Repräsentationen will die geplante Dissertation auf der Grundlage einer so dicht wie möglich zu eruierenden Materialbasis publizistischer, literarischer und wissenschaftlicher Zeugnisse der wahrnehmungs- und mentalitätsgeschichtlichen Frage nach der alltäglichen Durchsetzung maritim-globaler Figurationen nachgehen. Es geht ihr mithin um die diskursiven Verfahren und die in ihrer Differenz zu bestimmenden Darstellungsformen der maritimen Raumwahrnehmung sowie um die medientechnische Codierung eines globalen Meeresimaginären im Kaiserreich.

1. Geopoetik der Weltmeere und maritimer Imperialismus: Dem hybriden Feld kulturgeographischer Literatur erschien um 1900 kein anderer Großraum geeigneter, globale Dynamiken und Bewegungen zu repräsentieren, als das Meer mit seiner weltumspannenden Totalität. Die Dissertation will über detaillierte Lektüren der ‚klassischen' Texte deutscher Geopolitik die Semantik maritimer Topographien rekonstruieren und dabei die These plausibilisieren, dass sich in den ozeanischen Darstellungen eine Flut an Narrativen, Figuren und Modellen manifestieren, die nicht nur das Theoriedesign der aktuellen Globalisierungsdiskussion vorwegnehmen, sondern darüber hinaus eine Diskrepanz zu den national-imperialistischen Projekten der wilhelminischen Eliten zeitigen. Stark vereinfacht lässt sich zeigen, dass der vertikalen und zentralistischen Konsolidierung des Nationalstaats über koloniale Expansion horizontale, dezentrierte und netzwerkartige Raummodelle entgegenstehen, die sich vornehmlich über die Geographie der Weltmeere und des ozeanischen Verkehrs konstituieren. Da diese Raumfigurationen freilich nicht weniger machtpolitisch aufgeladen sind als die der militärischen Planungsstäbe, fragt die Dissertation systematisch nach den Zusammenhängen zwischen den ‚wissenschaftlichen' Meeresentwürfen und dem (welt)politischen Ordnungs- und Herrschaftswissen, wie es im Zeitraum um 1900 vor allem die prominenten fiktionalen Genres des Seekriegs- und Flottenromans aufweisen. Eine „Poetologie des Wissens“ kann hier zweierlei leisten: die Ermittlung immanenter Textpoetiken zum einen und deren Rückkopplung an und Konfrontation mit den Darstellungsoptionen, die zur gleichen Zeit das kulturgeographische Wissen in anderen Diskursbereichen generieren und organisieren. Anstatt die Populärliteratur als Widerspiegelung eines geopolitisch-maritimen Zeitgeists aufzufassen, wird sie als der Kulturgeographie gleichursprünglich in Bezug auf Herausbildung und Stabilisierung eines diskursiven Feldes aufgefasst.

2. Die Hochseeflotte als technischer Medienverbund und „imaginäre Infrastruktur“: Maritime und nautische Semantiken sind an ihre jeweils historisch spezifischen Verkehrs- und Kommunikationstechniken rückzubinden. Das zentrale Interesse des zweiten Teils der geplanten Dissertation gilt der Verschränkung von Geopolitik und Technologie, von maritimer Infrastruktur (von den Transport- und Handelsrouten, den Häfen, Kanälen und Schleusen, über die überseeischen Flottenstützpunkte und Relaisstationen bis zur Seeverkabelung und Funkentelegraphie) und imperialen Herrschaftsräumen im kolonialen Kaiserreich. Analog zur Konzeption eines „railway imperialism“ für das englische Imperium ließe sich in Bezug auf den Wilhelminismus, der die Flotte zur wichtigsten Infrastruktur einer Großmacht stilisierte, von einem ‚maritimen Empire‘ reden. Die Studie widmet sich dieser naval-imperialen Infrastruktur als technisch-materielle Medialität und symbolische Ordnung in ihrer wechselseitigen Durchdringung. Zu fragen ist nach der Verknüpftheit der verschiedenen Elemente im nautischen Verbundsystem, mithin nach ihren interdiskursiven und intermedialen Gemengelagen. Nicht zuletzt steht dabei die imaginäre Funktion solcher realtechnischen Machtdispositive im Vordergrund: Die Übersee-Kolonien werden durch den globalmaritimen Apparat überhaupt erst ‚erfahrbar' und kognitiv kartiert, auf komplexe Weise permanent reterritorialisiert, das heißt politisch, wirtschaftlich und symbolisch an das Mutterland rückgebunden. Die Installation einer kolonialen Herrschaftsgeographie mittels der Hochseeflotte und ihrer medientechnischen Netzwerke ist im Rahmen einer zeitgenössischen „Theorie des imperialistischen Verkehrs“ (Sven Helander) zu untersuchen, deren maritime Konturen die Dissertation nachzeichnen will.

Veröffentlichungen

Publikationen zu Peter Weiss, Rolf Hochhuth und zum Meer als Medium des Globalen